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Elfriede Jelinek: Im Abseits (Nobelpreisrede 2004)
Der Druck, dem jemand ausgesetzt ist, eine Rede anläßlich des
unumstritten wichtigsten Literaturpreises der Welt zu halten, ist
dem Text, allerdings nicht zu seinem Schaden, anzumerken. Ich
halte ihn für einen der wichtigsten poetologischen Texte, den es in
der deutschsprachigen Literatur gibt. Das mögen einige Kritiker
anders sehen, ich jedenfalls glaube, daß sich von da aus doch die
Position jener, die Literatur herstellen, präzise, verbindlich und doch
nicht dogmatisch erfaßt präsen-tiert. Zunächst ist es von Vorteil,
daß wir uns diesem Text vor allem von den Dramoletten kommend
genähert haben, denn ich meine, daß darin die Position, die die
Redende in diesem Text einnimmt, vorgeformt ist. Der Text
behandelt kein Thema im engeren Sinne, sondern sucht sich gerade
von jeder Umklammerung in eine bestimmte Thematik zu befreien.
Die Befreiung erfolgt durch die Möglich-keiten, die die Sprache
bietet. Die Sprache ist vielleicht das zentrale Thema, wenn man
eines ausmachen will, aber diese ist als solche ambivalent, und die
Ambivalenz des Mediums, auf das die Redende angewiesen ist,
dominiert auch diesen Text. Ich kann hier nicht auf die Komplexität
des Gebildes eingehen, möchte jedoch auf einige Punkte, und das
heißt Sätze, verweisen, die besonders einprägsam die Substanz des
zu Sagenden übermitteln. Schon der erste Satz enthält in sich eines
der Kernprobleme jeder Literaturbetrachtung: »Ist Schreiben die
Gabe der Schmiegsamkeit, der Anschmiegsamkeit an die
Wirklichkeit?« Von diesem Satz aus können Sie die Grundfragen
jeder poetologischen Diskussion betreten, vor allem den Komplex
der Mimesis, der Nachahmung, die bekanntlich noch immer als
Forderung, und nicht nur im sozialistischen Realismus, der wohl
schlichtesten Ausprägung des mimetischen Prinzips, im Raume
steht. Mit einem weiteren Satz hat sie jenes Bemühen der Dichter,
mit der Wirklichkeit zurande zu kommen, in ein drastisches Bild
gebannt: »Die Dichter fahren hindurch und versammeln ihre Haare
verzweifelt zu einer Frisur, von der sie dann in den Nächten prompt
heimgesucht werden. Etwas stimmt nicht mehr mit dem Aussehen.«
Was der Diskurs, der ästhetische und im besonderen der
literaturwissenschaftliche nur sehr umwegig zu leisten vermag, wird
hier durch die diagnostische Kraft des Bildes gebannt: Die Dichter
haben sich die Haare so schön zurechtgelegt und diese Frisur dann
als die Wirklichkeit ausgegeben, doch diese Rechnung geht (seit
wann?, fragen wir dazwi-schen) nicht mehr auf. Schon lange stimmt
die Bilanz der Realisten nicht mehr, und das war denn auch (und ist
noch immer) die Aporie jeder engagierten Lite-ratur. Der Dichter hat
keinen Platz in der Wirklichkeit, das ist die erschütternde Bi-lanz,
die Jelinek aus diesem Diskurs zieht. Er steht daher außerhalb, im
Abseits, fuori le mura, vor den Mauern, so wie dereinst Elektra stand
und wo Elfi Elektra steht. Zugleich wird durch dieses »Außerhalb«
doch auch der Gewinn für das Leben erzielt, der anders nicht zu
erzielen wäre: »Das Außerhalb dient dem Leben, das genau dort
nicht stattfindet, sonst wären wir ja alle nicht mitten drinnen, im
Vollen, im vollen Menschenleben, und es dient der Beobachtung des
Lebens, das immer woanders stattfindet.« Das ist der eigens
konstruierte Elfenbeinturm, den zu bewohnen sich mit gutem Grund
alle Dichter angelegen sein lassen. In der Folge wird das Problem
der medialen Vermittlung angesprochen: »Mir stehen, wie gesagt,
die Haare zu Berge, und kein Festiger da, der sie wieder zum
Niederlegen zwingen könnte.« Dieses Bild von den »zu Berge
stehenden Haaren« erhält hier eine durchaus sakrale, fast biblische
Note. Das Bild durchzieht den Text und verleiht der Redenden
etwas, das einer prophetischen Kraft gleichzukommen scheint, ich
betone: scheint. Da schleicht sich nun auch ein resignatives
Moment ein, das immer wieder wiederholt wird und in
unterschiedlicher Weise hervorkehrt: »Was bleibt mir also übrig?«
Es hat den Anschein, als würde sich nun so etwas wie eine
Kapitulation vor dem Realitätsprinzip einstellen; der Wirklichkeit hat
man nicht Herr werden können in der Literatur durch
»Anschmiegsamkeit«, der Widerstand gegen diese mündet darin,
daß man sich ihr beugt. Immer fragwürdiger wird auch das
Verhältnis zur Sprache: »Und dieser Hund Sprache, der mich
beschützen soll, dafür habe ich ihn ja, der schnappt jetzt nach mir.
Mein Schutz will mich beißen.«
»Die Sprache gerät ja manchmal irrtümlich auf den Weg, aber aus
dem Weg geht sie nicht. Es ist kein willkürlicher Vorgang, das mit
Sprache Sprechen, es ist einer, der unwillkürlich willkürlich ist, ob
man will oder nicht.« Das ist ein Stück Sprachphilosophie in einer
Nuß: Die Sprache ist, so Wittgenstein und so die Sprachphi-losophie,
unhintergehbar. In einer Kaskade von Paradoxien geht es dann um
die Sprache und das Verhältnis zu ihr: »Die Sprache geht. Ich bleibe,
aber weg. Nicht auf dem Weg. Und mir bleibt die Sprache weg.«
Dann stellt sich heraus, daß dieser Befreiungsakt von der Sprache
doch ein vergeblicher war; es wird von diesem Sprachkampf
gleichsam erzählt, so als ob in der Erzählung eine Möglichkeit
bestünde, das Problem zu bannen und sich selbst zu befreien.
Zugleich wird nun die Gefahr erfaßt, die sich dadurch einstellt, daß
wir uns in das Sprachproblem verbohren: »Meine Sprache ruft zu mir
herüber, ins Abseits, sie ruft am liebsten ins Abseits, [..].«
Immer prekärer wird die Situation, in der sich die Redende mit der
Sprache befindet. Gerade ihre Art des Umgangs mit der eigenen
Sprache führt in die Aporie, denn die anderen (also wir Leser und
Leserinnen) haben sich dieser Sprache sehr genähert: »Je mehr
Leute also die Aufforderung meiner Sprache annehmen, sie am
Bauch zu kratzen, etwas zu zausen, ihre Zutraulichkeit liebevoll
anzunehmen, desto weiter stolpere ich davon, ich habe meine
Sprache endgültig an die verloren, die sie besser behandeln, ich
fliege schon fast, wo war doch gleich dieser Weg, den ich zum
Nacheilen brauche?«
Immer nachdrücklicher stellt sich ein Kommunikationsproblem ein:
»Das
Unsagbare wird jeden Tag gesagt, aber das, was ich sage, soll nicht
gesagt werden dürfen. Das ist gemein von dem Gesagten. Das ist
sagenhaft gemein.« Auch das kommt, dank seiner
erkenntnisfördernden Kraft, zu seinem Recht. Es denunziert die
Floskel als das, was sie ist. Zuletzt wird die Metapher ganz kühn
ausgeweitet; die Sprache hat sich verselbständigt, sie ist zugleich
groß geworden, aber nicht er-wachsen. Sie hat sich verselbständigt,
sie hat diejenige, die spricht, zu ihrer Gefangenen gemacht: »Ich bin
die Gefangene meiner Sprache, die mein Gefängniswärter ist.
Komisch - sie paßt ja gar nicht auf mich auf!« Es ist, als ob die
Toten aus ihr sprechen, weil ihre Sprache sie überwacht. Aus ihr
spricht offenkundig das, was keine Sprache mehr hat, weil ihm
dafür die physischen Grundlagen entzogen wur-den. Die Sprache
erscheint als die übermächtige, das historische Subjekt
dominierende Instanz: »Ich bin ihr zu Handen, aber dafür ist sie mir
abhanden gekommen.
Ich aber bleibe. Was aber bleibt, stiften nicht die Dichter. Was
bleibt, ist fort. Der Höhenflug wurde gestrichen.« So lautet dieser
Widerruf der oft zitierten Zeile aus Hölderlins Andenken. Dann ist
die Sprache plötzlich weg, am Ende der Rede. Sie ist das
»Flüchtigste«, sie hat sich verflüchtigt, sie »hat auf ein neues
Stellenangebot geantwortet«. Die Sprache als ein lohnabhängiges
Individuum oder Objekt, das sich verflüchtigt hat. »Was bleiben soll,
ist immer fort.« In diese resignierende Einsicht mündet diese Rede,
die in einer hierzulande doch sehr starken Tradition die
Sprachproblematik erneut einer diskursiven, stark allegorisch
strukturierten Rede unterzieht und damit auch, dem Anlaß sehr
entsprechend, die Problematik des Schreibens in einer ebenso
grundsätzlichen wie gleichnishaften Rede in sehr persönlicher Form
exponiert.
Diese Rede läßt sich nicht, obwohl sie diskursiver Form ist, in einen
anderen Diskurs übersetzen. Sie sucht das, was nur im Bilde zu
fassen ist, auch im Bild zu belassen. Die Rede über diesen
Gegenstand kann nur die Form, die melancholische Form, wie wir
seit Walter Benjamin zu betonen nicht müde werden, der Allegorie
annehmen. Sie ist eine Form der Rede, und wenn die neueste
Literatur etwas Verbindendes haben soll, so ist es dieser
permanente Versuch, etwas zur Sprache zu bringen, durch eine
Person, die offenkundig das Monologische als das einzig mögliche
Prinzip des Diskurses erkannt hat. Diesen Kult des Monologs hat
Elfriede Jelinek in ihren Texten getrieben, und damit gezeigt, daß
wir diese Form der Kommunikation als eine der wenigen gültigen
anzunehmen geneigt sind.
So problematisch dieser Dialogverzicht auch sein mag, er gibt der
Literatur der letzten Jahrzehnte doch eine unverkennbare Signatur.